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Jede/r kennt Situationen, in welchen jemand diskriminiert und deshalb eingeschränkt wurde. Sei es eine Freundin, die man nicht ernst nahm, da man sie für zu jung hielt oder, dass ein Mannschaftskollege angepöbelt wurde, weil er schwul ist. Ob wir bewusst oder unbewusst diskriminieren; immer wird die diskriminierte Person eingeschränkt.

Eingeschränkt werden aber auch die Diskriminierenden. Sie schränken ihre Sichtweise auf das Leben ein und ziehen Grenzen zwischen Anderen und sich selbst.

Lasst uns bewusst werden, dass wir alle gewisse Schranken herunterlassen, um Wege zu sperren und so unser Leben scheinbar zu vereinfachen. Damit schränken wir uns selbst ein – wir sehen die Vielfalt nicht mehr.

Wir können diese heruntergelassenen Schranken öffnen, um neue Wege, Menschen und das Fremde kennen und schätzen zu lernen. Denn eine Schranke ist keine Mauer.

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Erwischt!

Damals machte ich meine Lehre bei einem grossen Schuh- und Bekleidungsgeschäft. Für abgeschlossene Verkäufe kriegten die Angestellten Provision, ich als Lehrtochter noch nicht. Eines Tages kam ein Mann in Bauarbeiterkleidern und dreckigen, schweren Stiefeln in den Laden und verschwand unten in der Herrenabteilung. Plötzlich stapfte er wutentbrannt wieder hoch und rief dem Direktor zu, der neben mir stand, das sei ein Sauladen, hierher käme er nicht mehr. Der Direktor ging gleich auf ihn zu und fragte, was denn los sei. Der Mann erklärte, dass er unten nach einer teuren Marke gefragt habe und ihn die Verkäuferin darauf mit den Worten abgewimmelt hatte: „Sie können sich das eh nicht leisten.“. Der Direktor konnte den Mann beruhigen und schickte mich nochmals mit ihm runter zum Einkaufen. Es zeigte sich, dass er ein sehr reicher Bauherr war, der just vorher auf einer Baustelle vorbeigegangen war. Er kaufte dann für mehrere Tausend Franken ein! Als die Verkäuferin von vorhin das sah, wollte sie, dass ich ihr den Verkauf für die Provision überschreibe. Sie war meine Lehrausbildnerin. Aber das machte ich trotzdem nicht.

Schweizer Kokain-Schmuggler

Unser Nachtbus von Mostar in Bosnien-Herzegowina nach Split in Kroatien wurde an der Grenze angehalten. Zwei grimmige Zollbeamte, eine grosse, blonde Frau und ein breiter, kantiger Mann, stiegen ein und sammelten die IDs sämtlicher Passagiere ein. 

Etwa zehn Minuten später kamen sie wieder, gaben allen Fahrgästen ihr IDs zurück und riefen die Namen von meiner Freundin und mir laut aus. 

Als wir uns zeigten, musste es plötzlich schnell gehen: Sie drängten uns, in aller Eile das Handgepäck zu packen und unsere Rucksäcke im Bauch des Busses zu holen. Beim Aussteigen realisierte ich, dass unser Bus mitten auf einem riesigen, gähnend leeren Parkplatz stand, sonst war da nur noch ein Containerhäuschen und die schwarze Nacht und mein Unbehagen, unser Bus würde ohne uns weiterfahren. 

Wir wurden zu dem Container gebracht und gefragt, aus welchem Land wir seien. „Switzerland“, sagten wir und dachten uns, dass sie das ja auf den IDs sehen würden. Darauf musste meine Freundin mit der Frau mitgehen und ich mit dem Typen. Unsere Rucksäcke wurden durchsucht, aufs Peinlichste. „So müssen sich Menschen mit arabischem Aussehen an unserer Grenze fühlen.“, dachte ich mir. 

Plötzlich stutzte mein Zöllner und zog ein kleines Päckchen, gefüllt mit weissem Pulver aus meinem Rucksack. Mein Waschmittel. „What’s this?!“, starrte er mich ungläubig an. Ich grinste, bat ihn, daran zu riechen. Von da an war die Stimmung plötzlich gelöst, wir packten unsere Sachen wieder ein und durften zurück nach draussen. Der Bus war noch da.

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An der Kasse

Feierabend, reger Betrieb, ich stehe in der Kassenschlange. Ein junger, dunkelhäutiger Mann drängt sich vorbei, er hat leere Hände und trägt einen Rucksack. „Hat wohl doch nichts gekauft“, denk ich mir.  

Dann erscheint ein Mitarbeitender des Ladens und stoppt ihn. „Zeig mal deinen Rucksack, du hast vorhin etwas eingesteckt!“ Der junge Mann verteidigt sich in gebrochenem Englisch und zeigt bereitwillig seinen Rucksack. Der Mitarbeiter packt aus, ein Bier, ein Sandwich und noch etwas. Wert: unter 10 Franken. „Das musst du bezahlen!“- „Ich hab das vorhin bezahlt! Nicht gestohlen!“ - „Doch, ich hab dich gesehen! Zeig mal den Kassenbeleg!“ - „Den hab ich nicht mehr!“ (ich denk mir, wer bitteschön behält schon den Kassenzettel für ein kleines Znacht?!) 

Die Kassiererin liest die Produkte ein, der Mann muss bezahlen. Er hat kein Bargeld und zückt seine Karte. Die Karte funktioniert auch beim zweiten Versuch nicht. Eine ältere Dame hinter mir erklärt sich bereit, den Betrag zu übernehmen. Blicke werden ihr zugeworfen, sie meint entschuldigend „ich will schliesslich nicht ewig hier festsitzen“ und lächelt peinlich berührt. Ob sie nicht zugeben will, dass sie Mitleid hat? 

Die Karte funktioniert beim dritten Mal, er packt die Dinge wieder in seinen Rucksack und murmelt dabei „noone ever believes me!“ - Keiner glaubt ihm jemals. Ich kann nicht beurteilen, ob er den Diebstahl begangen hat oder nicht. Im Kopf bleiben viele Fragen. Versuchte er, zu stehlen? Wurde er tatsächlich beobachtet? Wurde er nur kontrolliert, weil er dunkelhäutig ist? Warum war die Dame bereit, den Betrag zu übernehmen? Warum hat von den Kunden niemand reagiert? Warum hab ich nicht reagiert? Wie sollte man reagieren? Was erzählen andere Beobachter der Szene ihren Familien und Freunden?

Die ersten Löcher

Diskriminierung kommt in allen Lebenslagen vor. Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Das würde den Rahmen hier sprengen. Darum nehme ich nur eine Episode heraus, als ein Beispiel unter vielen.

1960er Jahre in einem kleinen Bergdorf in der Zentralschweiz. Ich war zehn oder elf Jahre alt, als ich eines Morgens auf dem Pausenhof der Schule meiner Heimatgemeinde aufkreuzte, den abgewetzten Schulranzen am Rücken, Kurzarmhemd mit Karomuster. Breite Hosenträger sorgten dafür, dass mir die kurze Hose nicht hinunterrutschte. Die Beine steckten in Strumpfhosen. Hohe Schnürschuhe umschlossen meine Füsse.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis ich schallendes Gelächter wahrnahm. Als ich mich umsah merkte ich, dass die höhnische Lacherei mir galt. Nur warum? «Das ist ja eine Aufmachung wie vor 20 Jahren» hörte ich den Rädelsführer flacksen. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Sechs oder sieben Jungs rotteten sich um mich herum zusammen. Zwei Mädchen waren mit von der Partie. Der Kreis um mich wurde immer enger. 

Sie begannen mich vom Einen zum Anderen zu schubsen. Die Übergriffe wurden immer heftiger; aus schubsen wurde schlagen. Angst stieg in mir hoch. Ich schützte meinen Kopf mit Armen und Händen. Doch die Schläge wurden immer heftiger. Ich fing zu weinen an; mit der Zeit wurden Schreie daraus. Flüchten? Ging nicht. Wann immer ich es versuchte, wurde mir ein Bein gestellt, so dass ich mehrmals stürzte.

Nach Minuten des Bedrängens bemerkte ich die ersten Löcher in den Strumpfhosen. Panik mischte sich in die Angst. Was werden wohl meine Erzieherinnen sagen? [Anm. des Autors: ich wuchs in einem von katholischen Nonnen geführten Kinder- und Waisenhaus auf.] Als es mir endlich gelang, mich aus dem bedrohlichen Pulk zu befreien, stellte ich mit Entsetzen fest, dass die Szenerie von zwei Lehrpersonen beobachtet wurde, ohne dass diese sich bemüssigt sahen einzugreifen. 

Fazit dieser Kurzgeschichte: sie ist nur ein Fragment aus meinem Leben. Doch eigentlich steht sie symbolisch für viele Formen der Diskriminierung. Nur zu oft werden Menschen in Bedrängnis, ja oft sogar in Gefährdungssituationen sich selbst überlassen – und somit diskriminiert, ausgeschlossen, sich selbst überlassen. Obwohl das Problem gesehen, erkannt wird, sollen sich die Betroffenen gefälligst selbst helfen.

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"Grüezi!"

Ich habe gemerkt, dass sich Menschen in der Schweiz oft begrüssen, auch wenn sie sich nicht kennen. Das wird erwartet. Aber einige Personen antworten nicht, wenn ich Grüezi sage oder mit ihnen spreche. Ich bin ihnen zu fremd. Trotzdem versuche ich immer zu grüssen und freundlich zu sein. Doch in gewissen Fällen vergeht mir die Lust, Personen zu grüssen, die nicht antworten. Wenn ich dann also Personen nicht grüsse, werfen sie mir das manchmal vor und schliessen daraus, ich sei nicht integriert.

Heute bin ich mutig

Der lustlose Blick in den Kleiderschrank. Tagtäglich, immer wieder: Ich führe den Kampf zwischen «mich schön fühlen» und «mich sicher fühlen». Heute bin ich mutig, heute will ich schön sein – natürlich. Ja, natürlich sollte es sein, dass mensch sich wohl und sicher gleichzeitig fühlt. Sollte, aber geht halt nicht, weil Hass und Angst Gesichter des Alltags sind. Der harmlose Akt des Bekleidens wird für mich in solchen Momenten zu einem ausweglosen Streitgespräch zwischen Vernunft und Emotion, bei dem Letztere meistens gewinnt.

Hmm, wie wäre es wohl, den Rock da anzuziehen, ihn zu tragen als wär’s nichts Besonderes? Szenarien in Pastell bis Dunkelgrau schiessen mir durch den Kopf. Behutsam steige ich in einen langen, schwarzen Rock mit Seitenschlitz bis übers Knie und noch bevor sich das Elaste um meine Taille schmiegen kann, liegt die Vernunft K.O. – Wow, der erste Triumph. Das passiert also wenn ich den Rock einfach anziehe.

Entgegen meiner Erwartung stolziere ich durch den wöchentlichen Flohmarkt an der Kanzleistrasse: wenige Blicke, ein überraschtes Grinsen hier, ein irritiertes Stirnrunzeln da. Die negativen Impulse prallen am verdammt geilen Selbstbewusstsein, das ich gerade zum ersten Mal so richtig erlebe, ab. – So fühlt es sich also an, den Rock einfach zu tragen.

Ich bin zum Essen eingeladen. Am Limmatplatz warte ich auf den Bus, der mich zur Stadtgrenze führen soll. Hier passiert viel: Eigentlich recht bunt hier und den meisten ist’s irgendwie eh egal, was um sie herum passiert. Die Person, die mit mir auf der Bank sitzt, nascht genüsslich knallrote Erdbeeren aus einer Plastiktüte. Mit einer wohlwollenden Geste bietet sie mir einige davon an. Ich greife dankend zu. Sie mustert meine Beine und kommentiert: «C’est beautiful» Wir lächeln beide und schmatzen die süssen Früchte. – Wenn mensch strahlt, strahlt mensch zurück. Des Rockes wegen?

Mein Selbstwertgefühl steigert sich ins Unermessliche. Dieser Rock ist magisch, denk’ ich mir. Noch heute Abend bevor ich ins Bett gehe, werde ich ihn mit Sekundenkleber an meine Hüfte heften, denn dieses Gefühl darf nicht vorübergehen. Ich reflektiere den Tag auf dem Heimweg bis mir aus kurzer Distanz «Stirb, Schwuchtel!» zugerufen wird. «Stirb!» – Sekunde später liege ich niedergedrückt auf einer Eingangstreppe, mein Rucksack wird entleert und ich werde mit den Worten verabschiedet: «Jetzt weisst du was passiert, wenn du einen Rock anziehst».

Ich versuche zu übersetzten: Jetzt weiss ich, was passiert – ja, was passiert denn? Was? Ich werde wahrgenommen, Das ist mal das erste. Ich nehme mich selbst wahr. Wichtig. Denn erst jetzt kann ich schreien. Mit Worten und mit Stoffen. Die Gewalt muss nicht übersetzt werden, es ist die Freiheit, die nicht verstanden wird.

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Viele Schranken

Ich stieg aus dem alten Auto und ging auf den grossen Autosalon zu um mir endlich meinen lang ersehnten Audi A7 zu kaufen. Plötzlich bemerkte ich, dass ein Mann, offenbar ein Verkäufer, aus der Eingangstür trat und sich genau davor stellte. Wollte er mir den Weg versperren? Nun, ich ging zu ihm hin, zeigte ihm das Bild von dem Auto, welches ich kaufen wollte, nachdem er mich herablassend gefragt hatte, was ich wolle. Er sagte barsch, dieses Auto sei gerade verkauft worden und wandte sich ab, blieb aber wie eine Mauer vor der Tür stehen. 

Das Ganze kam mir sehr seltsam vor, trotzdem kehrte ich um und ging zurück. Gerade als ich wegfahren wollte dachte ich: Nein, das kann nicht sein. Der Mann war so unfreundlich, hat mich nicht Mal reingelassen, irgendwie glaube ich, hier stimmt was nicht. Als er weg war ging ich zügig in den Autosalon und fragte einen anderen Verkäufer, ob sie das gewünschte Modell noch haben. Natürlich, weshalb auch nicht, antwortete er mir freundlich. Nachdem er mich bedient hatte, erzählte ich das Ereignis mit dem anderen Verkäufer, der mich, vermutlich aufgrund meiner dunklen Hautfarbe nicht bedienen wollte und mir sogar den Eintritt verweigert hatte. 

Da ich den gleichen Doppelvornamen habe wie ein berühmter brasilianischer Fussballer, ging der nette Verkäufer, bei dem es sich offenbar um den Chef handelte, mit meinem Ausweis zum Anderen und sagte ihm: Du hast gerade einer berühmten Kundschaft die Bedienung verweigert. Solche Leute können wir hier nicht brauchen! Er wurde noch am gleichen Tag gefeuert und wir lachten alle über seinen Blick, als er wirklich glaubte, er hätte einen internationalen Fussballer diskriminiert.

Ich und ein guter Kollege aus Marokko wollten eines Freitagabends in die Disco. Beide leben wir schon lange in der Schweiz, doch wegen meiner dunklen Haut und seines arabischen Aussehens stoppte uns der Türsteher. Wir fragten, ob wir reindürfen. "Nein... Wir lassen keine Menschen mit unbekannter Herkunft rein"

Im Geschichtsunterricht diskutiert unser Lehrer oft aktuelle Initiativen und Abstimmungen im Klassenverband. Als wir um die Atomkraftwerksausstiegs-Initiative diskutierten kamen wir aus unerklärlichen Gründen schnell zum Thema Militär. Ich fragte einen Mitschüler, ob er sich bewusst sei, wie viel Geld dafür ausgegeben wird und ob er wirklich denkt, das Militär könnte im Kriegsfall irgendwas anrichten. Das einzige was er mir antwortete war:" Misch dich nicht ein, du hast eh keine Ahnung, bist ja ein Mädchen"...

Diskriminierung schränkt ein

www.imaginefestival.ch

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